Bericht über die Anti-WEF-Demo vom 27.01.2001 in Davos
Ohne grosse Probleme bin ich am Freitag bis nach Klosters gekommen. Am Samstagmorgen mache ich mich zusammen mit einem Freund auf den Weg nach Davos. Am Bahnhof Klosters wimmelt es nur so von Turtles, sprich vermummten, gepanzerten und schwerstbewaffneten Polizeigrenadieren. Ohne kontrolliert zu werden, können wir in den Bus nach Davos einsteigen. Züge nach Davos verkehren zu diesem Zeitpunkt schon keine mehr. Am Checkpoint-Charlie "Grüanbödeli" auf der Hauptstrasse zwischen Klosters und Davos wird der Bahnersatzbus angehalten und einige, keineswegs freundliche Polizisten stürmen in den Bus. Mit finsteren Mienen mustern sie alle Passagiere und nach nur der Polizei bekannten Kriterien picken sie drei Jugendliche, ein spanisch sprechendes Paar und vier Deutsche heraus und überprüfen ihre Identität. Die Jugendlichen und die Deutschen werden zurückbehalten. Endlich können wir weiterfahren. Im Bus herrscht totenstille. Was mag wohl durch die Köpfe der Passagiere gehen? Machen sie sich Gedanken über Freiheiten und Rechte von denen im Geschichtsunterricht und an SVP Tagungen immer so gerne gesprochen wird? Wer sind die Guten? Wir sind die Guten! Kurze Zeit später erreichen wir Davos.
Wir steigen aus und machen uns auf den Weg zur Holländischen Asthmaklinik, wo das Public Eye on Davos stattfindet. Auf dem Weg dorthin werden wir von zwei Polizisten angehalten. Sie fragen uns des Weges und überprüfen unsere Personalien. Nach einigen Minuten lassen sie uns weitergehen. Davos gleicht wirklich einer Festung. Der Eindruck vor Ort ist noch viel überwältigender, als die Bilder aus den Medien. An jeder Hausecke stehen Polizisten in Kampfmontur, auf den Häuserdächern liegen Festungswächter hinter ihren Maschinengewehren, Strassensperren aus Gittern und Absperrungen aus Stacheldraht sind errichtet worden, über unseren Köpfen kreisen permanent Armeehelikopter. Auf der Strasse sieht man kaum Einheimische oder Touristen. Alle Geschäfte haben schon am Vormittag geschlossen. Der Geist von Davos ist in seinen letzten Zügen! In der Holländischen Asthmaklinik sammeln sich gegen ein Uhr etwa 50 Menschen, die an die Demo gehen möchten. Es wird vereinbart, dass wir alle zusammen vom Public Eye zurück zum Besammlungsort der Demo (Bahnhof Davos Dorf) marschieren. Aus diesem Marsch zur Demo entsteht dann schon eine Demo. Im grössten Schneegestöber ziehen wir mit einigen Transparenten "bewaffnet" und laut Parolen schreiend los.
Die Verkehrspolizisten, die nicht unweit vom Public Eye den Verkehr regeln, beginnen kopflos hin und her zu rennen, wie kleine, orange Kobolde. Wovor haben sie Angst? Vor dem Davoser Geist? Wir biegen auf die Promenade ein. Die ganze Strasse ist gesäumt von Polizei und ihrem Kriegsgerät. Aber niemand hält uns auf. Vermutlich sind alle Repressionskräfte überrascht, dass wir die Frechheit haben, in der Davoser Festung überhaupt zu demonstrieren. Ausserdem sind wir eine halbe Stunde zu früh dran und kommen aus der falschen Richtung. Die Bewacher der Forums und Hüter von Recht und Ordnung sind wohl nicht flexibel genug, auf solch kurzfristige Änderungen zu reagieren. Kurz vor dem Bahnhofplatz werden wir von einer Polizeibarrikade aufgehalten. Der Demozug, der unterdessen auf etwa 150 bis 200 Personen angewachsen ist, stoppt. Mit einem Wasserwerfer (wirklich imposant grosse Fahrzeuge!) versucht die Polizei die DemonstrantInnen einzuschüchtern. Doch niemand weicht. Auf dem Bahnhofplatz haben sich nochmals etwa 100 Menschen gesammelt, die sich singend von der anderen Seite her der Polizeisperre nähern. Wie bei der Demo 2000 steht plötzlich eine Polizeisperre zwischen zwei Demonstrationen.
Nach einiger Zeit wird die Sperre geöffnet und der ganze Zug zieht in Richtung des Forums. Zwei weitere Sperren können wir umgehen, bei einer dritten gibt es kein Vorrücken mehr. Die Strasse ist verbarrikadiert. Der Demozug stoppt. "Diese Demonstration ist nicht bewilligt, die Polizei schreckt nicht davor zurück Tränengas, Gummischrot und Wasserwerfer einzusetzen..." tönt es kämpferisch aus einem Lautsprecher der Polizei. Laute Buhrufe und Pfiffe übertönen weitere Kampfansagen. Langsam bewegt sich der Demozug auf die Sperre zu, Transparente werden in die Höhe gehalten, manche singen, wieder andere schreien Parolen. Und niemand, wirklich niemand hat bisher Gewalt in irgendeiner Form angewendet. Die Stimmung unter den DemonstrantInnen ist zwar angespannt, aber sehr friedlich. Urplötzlich und ohne einen Grund beginnt die Polizei bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Wasser in die friedliche Menge zu spritzen. Die vordersten Reihen, wo sich auch viele JournalistInnen aufhalten, bekommen ziemlich viel Wasser ab. Zum Leidwesen der kampfgeilen Polizei lässt sich von dieser absolut unnötigen und ungerechtfertigten Attake niemand provozieren. Einzelne, die drohen aggressiv zu werden, werden von anderen DemonstranInnen sofort beruhigt. Nach einigen Minuten sieht auch die Polizei ein, dass hier niemand eine Konfrontation sucht - bei manchen dauert das eben ein wenig länger... Wir bleiben während längerer Zeit auf einem kleinen Platz vor der besagten Polizeisperre.
Es wird weiter gesungen, gepfiffen und skandiert. Eine Aktivistin und ein Aktivist halten zusammen eine kurze Rede. Da niemand ein Megafon dabei hat, müssen die etwa 300 Demonstrierenden ganz nah zusammen stehen, damit sie der Rede lauschen können. Die Demonstrationsleitung, der ich an dieser Stelle ein Kränzchen für die wirklich gute Abwicklung der Demo winden möchte, handelt dann mit der Polizei aus, dass der Demozug zum Bahnhof zurückkehren darf, dass alle Polizeisperren geöffnet werden. Der Demozug kehrt darauf zum Bahnhof zurück. Auf dem Bahnhofplatz gibt's noch heissen Glühwein, spendiert von einem Davoser Beizer! Danke! Dass an der Demo der Wasserwerfereinsatz nicht der einzige Gewaltakt von Seiten der Polizei gewesen ist, habe ich erst am Mittwoch aus der Presse erfahren. Laut VertreterInnen der EvB, sei die Inderin Vandana Shiva, Trägerin des alternativen Friedensnobelpreises und Teilnehmerin des Public Eye, von der Polizei massiv geschlagen worden, als sie an der Demonstration in Davos teilgenommen habe. Im ganzen Bericht ist immer nur von der Polizei oder der Armee der Rede. Dabei soll aber keinesfalls vergessen werden, wem die Demo, die Proteste, der Widerstand eigentlich gegolten hat: den global leaders! In diesem Sinne: À ceux qui veulent dominer le monde, le monde réponds résistance!



